Närrisches Treiben

Die 5. Jahreszeit steht an – die wunderbare, glückselige Fasnet. Für andere auch Fasching, oder Karneval. Wie auch immer man das bezeichnet, mein Fall ist die Fasnet nicht! Wenn es nach mir ginge, könnte diese Zeit komplett aus dem Kalender gestrichen werden. Altes Brauchtum bewahren und lebendig gestalten – gut. Die bösen Geister der dunklen Jahreszeit vertreiben – noch besser. Auch ich kann den Frühling kaum erwarten.

Aber muss man sich deswegen komplett zum Narren machen? Sprichwörtlich?

Ob es mir nun passt oder nicht – die Fasnet steht an. Und somit auch die Fasnetaktivitäten. Da braucht es auch was kulinarisches, und die Narren bei uns verlangt es neben Schnaps und Bier nach Vesper. Schwarzwurstvesper, um genau zu sein. Und diese Schwarzwurst gibt es in der Metzgerei meines Vertrauens. Also muss ich da hin.

Viele andere Leute tun das aber auch, und die Warteschlangen sind in der Regel lang und die Wartezeiten noch länger. Und das alles für diese Schwarzwurst, die ich noch nicht einmal selber essen will.

Ein Plan muss her. Genau. Gleich morgens vor acht geh ich hin. Da sind die Frühaufsteher schon wieder weg und die regulären Einkäufer noch nicht so groß an der Zahl. Gedacht – getan.

Ich fahre also mit dem Auto vor das Geschäft: super! Nur 2 Kunden stehen im Laden – trotzdem gibt’s keinen Parkplatz in der Nähe. Und außerdem muss ich erst noch zum Geldautomaten. Denn hier zählt nur cash.

Ich fahre ein Stückchen weiter, finde einen Parkplatz, hole Geld am Automaten und betrete 2 Minuten später die Metzgerei, wo jetzt allerdings schon 8 Personen vor mir sind! Keep calm. Ich bin ganz ruhig. Alles ist gut.

Ich warte. Die Leute vor mir werden aufs Beste bedient. Ich warte. Da springt so ein junger, sportlich-dynamischer Mann zur Tür rein: „Ist euer Fax heute kaputt?“ fragt er mit einem Lächeln auf den Lippen. „Keine Ahnung“, kommt es vom Servicepersonal. „Egal! Bringe ich meine Bestellung eben vorbei!“ Mit einer lässigen Armbewegung wechselt ein DIN-A 4 – Blatt elegant seinen Besitzer und schon ist der sportlich-dynamische Typ wieder draußen. Wie schön für ihn.

Ich warte immer noch. Die Frau, die die Bestellung angenommen hat, geht damit erst mal zur Chefin. Der Service wird für eine kurze Besprechung unterbrochen. Ganz toll! Hauptsache der Sportliche ist schon wieder draußen. Er hat ja „nur schnell was vorbeigebracht“. Es geht weiter. Die Leute vor mir brauchen 80 g hiervon – am liebsten eingeschweißt, damit es schön frisch bleibt – und eine Kleinigkeit davon…. Ich warte.

Der nächste junge Mann betritt das Geschäft und steuert selbstbewusst an die hygienisch leere Vespertheke. Nach einer Minute darf er schon seine Bestellung aufgeben. Nein, die Heißtheke ist erst ab halb neun bestückt, aber belegte Brötchen können gerne für ihn frisch gemacht werden. Herrlich. Ja klar, der muss ja auch zur Arbeit. Muss man schon Verständnis für haben! Ich muss auch zur Arbeit. Ich warte immer noch.

Gerade als ich in einer auftosenden Welle aus Selbstmitleid und Wut versinken will, ist es dann tatsächlich so weit! Ich bestelle meine 4 Ring Schwarzwurst, bezahle und bin wieder draußen. Geschafft!

Während ich in der Metzgerei gewartet hatte, hat es angefangen zu regnen. Ich bin 20 Minuten zu spät zur Arbeit. Ich laufe über die Straße im strömenden Regen – und sehe jetzt erst, dass der Schulbus mich zugeparkt hat. Der Fahrer braucht auch ein Vesper. Vielleicht ist es doch gut, dass die Vesper-Holer sofort bedient werden, denke ich jetzt so.

Ich warte. Diesmal darauf, dass der Busfahrer zurück kommt und mein Auto frei gibt. Der Regen wird stärker. Der Busfahrer tritt zum Ladengeschäft heraus, schaut zum Himmel, dann auf seine Vespertüte. Die darf natürlich nicht nass werden. Der Busfahrer verpackt sein Vesper vorsichtig und liebevoll in seiner Jacke, zieht den Kragen hoch und bewegt sich in Richtung seines Gefährts.

Er steigt ein. Schüttelt sich. Nimmt den hochgezogenen Kragen wieder runter. Holt sein Vesper aus der Jacke. Wenn er jetzt anfängt zu essen, werde ich aber sauer! Ich bleibe ganz ruhig. Ich koche innerlich. Ich bleibe ganz ruhig.

Der Motor des Busses springt an, der Bus setzt sich in Bewegung. Ich kann endlich rausfahren aus meiner Parklücke. Jetzt aber schnell ins Geschäft! Als ich mein Fahrzeug auf dem Firmenparkplatz abstelle regnet es nicht mehr, es schüttet. Vorsintflutliche Wassermassen stürzen vom Himmel, prasseln auf die Erde und spritzen von dort wieder hoch. Bis ich im Büro bin, bin ich trotz Mantel nass bis auf die Haut.

An der Garderobe mache ich meinem Ärger Luft. Ich schüttle den Regen ab und schimpfe wie ein Rohrspatz. Ein lieber Kollege kommt vorbei. „Jaja, die Warterei ist immer nervig. Deshalb bestellen wir immer und lassen uns die Ware ins Geschäft liefern. Zweimal die Woche gibt’s diesen wunderbaren Service!“

Ich denke nur „Thanks for Sharing“.

Und die Moral von der Geschicht? Da habe ich mich in meiner Wut heute wohl schon selbst zum Narren gemacht! Ganz ohne Fasnet.

Veröffentlicht in: Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s